Die Sonnenfinsternis vom 8. Juli 1842
Auszug aus einer Beschreibung von
Adalbert Stifter

.... Endlich zur vorausgesagten
Minute - gleichsam wie von einem unsichtbaren Engel empfing die Sonne
den sanften Todeskuß - ein feiner Streifen ihres Lichtes wich vor dem
Hauche dieses Kusses zurück, der andere Rand wallte in dem Glase des
Sternen- rohres zart und golden fort - "es kommt", riefen nun
auch die, welche bloß mit dampfenden Gläsern, aber sonst mit freien
Augen hinaufschauten - "es kommt" - und mit Spannung blickte
nun alles auf den Fortgang.
Die erste seltsame, fremde Empfindung rieselte nun durch die Herzen, es
war die, daß draußen in der Entfernung von Tausenden und Millionen
Meilen, wohin nie ein Mensch gedrungen, an Körpern, deren Wesen nie ein
Mensch erkannte, nun auf einmal etwas zur selben Sekunde geschehe, auf
die es schon längst der Mensch auf Erden festgesetzt. Indes nun alle
schauten, und man bald dieses, bald jenes Rohr rückte und stellte und
sich auf dies und jenes aufmerksam machte, wuchs das unsichtbare Dunkel
immer mehr und mehr in das schöne Licht der Sonne ein - alle harrten,
die Spannung stieg.
Aber so gewaltig ist die Fülle dieses Lichtmeeres, das von dem Sonnenkörper
niederregnet, daß man auf Erden keinen Mangel fühlte, die Wolken glänzten
fort, das Band des Wassers schimmerte, die Vögel flogen und kreuzten
lustig über den Dächern, die Stephanstürme warfen ruhig ihre Schatten
gegen das funkelnde Dach, über die Brücke wimmelte das Fahren und
Reiten wie sonst, sie ahnten nicht, daß indessen oben der Balsam des
Lebens, das Licht, heimlich wegsieche.
Dennoch, draußen an dem Kahlengebirge und jenseits des Schlosses
Belvedere war es schon, als schliche Finsternis oder vielmehr ein
bleigraues Licht wie ein böses Tier heran, aber es konnte auch Täuschung
sein; auf unserer Warte war es lieb und hell, und Wangen und Angesichter
der Nahestehenden waren klar und freundlich wie immer.
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Seltsam war es, daß dies unheimliche, klumpenhafte,
tiefschwarze vorrückende Ding, das langsam die Sonne wegfraß,
unser Mond sein sollte, der schöne, sanfte Mond, der sonst die
Nächte so florig silbern beglänzte; aber doch war er es, und
im Sternenrohr erschienen auch seine Ränder mit Zacken und
Wulsten besetzt, den furchtbaren Bergen, die sich auf dem uns so
freundlich lächelnden Runde türmen.
Endlich wurden auch auf Erden die Wirkungen sichtbar und immer
mehr, je schmäler die am Himmel glühende Sichel wurde. Der Fluß
schimmerte nicht mehr, sondern war ein taftgraues Band, matte
Schatten lagen umher, die Schwalben wurden unruhig, der schöne,
sanfte Glanz des Himmels erlosch, als liefe er von einem Hauche
matt an, ein kühles Lüftchen hob sich und stieß gegen uns, über
den Auen starrte ein unbeschreiblich seltsames, aber
bleischweres Licht, über den Wäldern war mit dem Lichterspiele
die Beweglichkeit verschwunden, und Ruhe lag auf ihnen, aber
nicht die des Schlummers, sondern die der Ohnmacht und immer
fahler goß sich's über die Landschaft, und diese wurde immer
starrer.
Die Schatten unserer Gestalten legten sich leer und inhaltslos
gegen das Gemäuer, die Gesichter wurden aschgrau. Erschütternd
war dies allmähliche Sterben mitten in der noch vor wenigen
Minuten herrschenden Frische des Morgens. |
Wir hatten uns das Eindämmern wie etwa ein Abendwerden
vorgestellt, nur ohne Abendröte; wie geisterhaft aber ein
Abendwerden ohne Abendröte sei, hatten wir uns nicht
vorgestellt, aber auch außerdem war dies Dämmern ein ganz
anderes, es war ein lastend unheimliches Entfremden unserer
Natur. Gegen Südost lag eine fremde gelbrote Finsternis, und
die Berge und selbst das Belvedere wurden von ihr eingetrunken.
Die Stadt sank zu unseren Füßen immer tiefer wie ein
wesenloses Schattenspiel hinab, das Fahren und Gehen und Reiten
über die Brücke geschah, als sähe man es in einem schwarzen
Spiegel - die Spannung stieg aufs höchste. Einen Blick tat ich
noch in das Sternrohr, er war der letzte; so schmal, wie mit der
Schneide eines Federmessers in das Dunkel geritzt, stand nur
mehr die glühende Sichel da, jeden Augenblick zum Erlöschen,
und wie ich das freie Auge hob, sah ich auch, daß bereits alle
andern die Sonnengläser weggetan und bloßen Auges
hinaufschauten - sie hatten auch keines mehr nötig.
Denn nicht anders als wie der letzte Funke eines erlöschenden
Dochtes schmolz eben auch der letzte Sonnenfunken weg,
wahrscheinlich durch die Schlucht zwischen zwei Mondbergen zurück
- es war ein ordentlich trauriger Augenblick - deckend stand nun
Scheibe auf Scheibe -, und dieser Moment war es eigentlich, der
wahrhaft herzzermalmend wirkte.
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Das hatte keiner geahnt.
Ein einstimmiges "Ah" aus aller Munde, und dann
Totenstille, es war der Moment, da Gott redete und die Menschen
horchten. Hatte uns früher das allmähliche Erblassen und Einschwinden
der Natur gedrückt und verödet und hatten wir uns das nur fortgehend
in einer Art Tod schwindend gedacht: so wurden wir nun plötzlich
aufgeschreckt und emporgerissen durch die furchtbare Kraft und Gewalt
der Bewegung, die da auf einmal durch den ganzen Himmel lag;
Horizontwolken, die wir früher gefürchtet, halfen das Phänomen erst
recht bauen, sie standen nun wie Riesen auf, von ihrem Scheitel rann ein
fürchterliches Rot, und in tiefem, kaltem, schwerem Blau wölbten sie
sich unter und drückten den Horizont. Nebelbänke, die schon lange am
äußersten Erdsaume gequollen und bloß mißfärbig gewesen waren,
machten sich nun geltend und schauderten in einem zarten, furchtbaren
Glanze, der sie überlief. Farben, die nie ein Auge gesehen, schweiften
durch den Himmel. Der Mond stand mitten in der Sonne, aber nicht mehr
als schwarze Scheibe, sondern gleichsam halb transparent wie mit einem
leichten Stahlschimmer überlaufen, rings um ihn kein Sonnenrand,
sondern ein wundervoller, schöner Kreis von Schimmer, bläulich, rötlich,
in Strahlen auseinanderbrechend, nicht anders, als gösse die oben
stehende Sonne ihre Lichtflut auf die Mondeskugel nieder, daß es rings
auseinanderspritzte. Das Holdeste, was ich je an Lichtwirkung sah! Draußen,
weit über das Marchfeld hin, lag schief eine lange, spitze
Lichtpyramide gräßlich gelb, in Schwefelfarbe flammend und unnatürlich
blau gesäumt; es war die jenseits des Schattens beleuchtete Atmosphäre,
aber nie schien ein Licht so wenig irdisch und so furchtbar, und von ihm
floß das aus, mittelst dessen wir sahen. Das Phantom der Stephanskirche
hing in der Luft, die andere Stadt war ein Schatten, alles rasseln hatte
aufgehört, .... jedes Auge schaute zum Himmel ... nie, nie werde ich
jene zwei Minuten vergessen - es war die Ohnmacht eines riesenhaften Körpers,
unserer Erde. - .....
Aber wie alles in der Schöpfung sein rechtes Maß hat, so auch
diese Erscheinung ... Gerade da die Menschen anfingen, ihren
Empfindungen Wort zu geben ... gerade in diesen Momente hörte es auf:
mit eins war die Jenseitswelt verschwunden und die hiesige wieder da,
ein einziger Lichttropfen quoll am oberen Rande wie ein weißschmelzendes
Metall hervor, und wir hatten unsere Welt wieder ... die Dinge warfen
wieder Schatten, das Wasser glänzte, die Bäume waren grün, wir sahen
uns in die Augen - siegreich kam Strahl an Strahl .... das Fahren und Lärmen
begann wieder, selbst die Tiere empfanden es; die Pferde wieherten und
die Sperlinge auf dem Dache begannen ein Freudengeschrei, so grell und närrisch,
wie sie es gewöhnlich tun, wenn sie sehr aufgeregt sind, und die
Schwalben schossen blitzend und kreuzend , hinauf, hinab in der Luft
umher ....
Infos, eclipse-photos & Stuff from Institute
for Astronomy at the University of Vienna and the Institute
for Astronomy at the University of Graz |