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Essay von Günter Eichberger (aus VIA, Airportjournal Graz)

Niemand ruft mich an, um meine Meinung zu mehr oder weniger drängenden Problemen unserer gegenwärtigen Gegenwart zu erfahren.
Alle scheinen anzunehmen, daß ich nicht dafür zuständig bin.

Doch kaum ist dieser Satz notiert, schrillt auch schon das Telefon.
Mein Boß Ute erteilt mir den Exklusivauftrag, endlich einen Essay zu den drängenden Problemen unserer schönen Stadt Graz vorzulegen, aber dalli.

Kein Problem, Chefin, ich habe da einiges in petto. Zuvorderst die Frage, wo man denn in Graz gut essen könne? "Dann auf zur Recherche - und immer schön ausgewogen und sachlich bleiben!" ermahnt mich Ute.

Und so sage ich zu meiner Wohnung: Ich gehe jetzt, du kannst mich nicht aufhalten! Monika nehme ich mit, Kater Burli schließt sich uns zwanglos an. Mit ein paar entschlossenen Schritten sind wir auch schon im Restaurant Pichlmaier, wo wir als Aperitif einen Kir Feudal (ukrainischer Büffelgraswodka mit toskanischem Lindenblütentee plus einem Schuß französischen Franzbranntweins) zu uns nehmen. Kater Burli besteht auf seinem Tafelwasser ans dem Herzogtum Liechtenstein. Dann kommt die amüsante Vorspeise. Burgundisches Schneckenmus an Löwenzahnsamen. Burli läßt es sich schmecken. Wir bestellen eine Flasche Lambauer, doch den hat man zu unserem existentiellen Entsetzen nicht auf Lager. Bleibt uns nur irgendein unbedeutender weißer Bordeaux. Als Hauptgang nehme ich ein Rückensteak vom Gnu, gut durchgebraten. Monika wählt einen lebenden Hummer, steckt ihn in ihre Tasche und läßt ihn beim Hinausgehen frei. Burli leckt sich die Lippen. Er durfte die Reste auf meinem Teller fressen.

Unweit des "Pichlmaier" steht ein Pizzastadl. Dort fallen wir hungrig ein und verdrücken einen repräsentativen Querschnitt des sozial relevanten
Angebots. Besonders raffiniert: die "Margherita"! Dazu einen herbsüßlichen Cuvée aus dem Tetrapack.

Dann lassen wir uns zum Ristorante Corti kutschieren. Ich muß Ihnen, liebwerte VIA Leserin, nicht vorbestrafter VIA-Leser, ein Geständnis machen: Leider plagt mich seit Jahren eine Sucht. Ich muß in regelmäßigen Abständen beim Corti Calamari alla Barese verzehren, sonst bin ich noch unausstehlicher als ohnehin schon. Das Rezept wollen mir der Wirt und sein unbestechliches
Personal leider nicht verraten, sonst würde ich es an dieser Stelle publizieren. Monika und Burli essen von einem Teller Spaghetti pomodoro.

Nun wollen wir aber eine kleine Schmauspause einlegen. Auf zu den bodenständigen Weinen, die im Generali-Hof eigens für uns gelagert werden.
"Klapotetz" heißt das Lokal, wo man uns gelegentlich in animiertem Zustand Tisch und Wände beschmieren sehen kann. Wir überzeugen uns jedenfalls ausgiebig von der hohen Qualität der handgerebelten vergorenen Traubensäfte
unseres Bundeslandes. Burli schnuppert mit Kennermiene an den Gläsern. Er stammt aus dem weststeirischen Preding und wurde mit Schilcherrahm
großgezogen.

Ich weiß nicht, ob Sie etwas mit dem Weinkennerlatein anfangen können. Nehmen wir nur die Bezeichnung "trocken" für herbe Weine. Da könnte man mit Recht eine leere Flasche erwarten. Geschmackserlebnisse sind schwer beschreibbar, auch variiert der Geschmack von Zunge zu Zunge, je nach Anzahl der Geschmacksknospen. Es muß nicht immer Tement, Polz oder Neumeister sein. Wir kosten einen Weißburgunder vom Weingut Klug aus der
nach mir benannten Gemeinde Eichberg-Trautenburg. Was für ein frischer, fruchtiger, feinwürziger Wohlgeschmack! Die barbarische Praxis, bei der Weinkost jeden Schluck auszuspucken, verweigern wir aus Respekt. Wer
die Wirkung des Weins verschmäht, ist auch seinen Geschmack nicht wert. Und geöffnete Flaschen trinkt man am besten aus, sonst verflüchtigt sich das Bouquet.

Nun rührt sich aber wieder Appetit. Und wir stärken uns mit Rohschinken,
Oliven, Artischocken, Käse, Milchschokolade und dem Beruhigungsmittel Xanor.
Jetzt würden wir noch gerne ein paar Jahre sitzenbleiben (wie in unserer verträumten Schulzeit), aber die Pflicht ruft.

Das Abendessen nehmen wir bei der Ausspeisung "Schauer" ein. Fürwahr ein
einladender Name. Wir übergehen die Vorspeise und nehmen gleich den Nachtisch. Früchte-Allerlei auf einem Nichts von Irgendwas. Burli läßt sich Gang um Gang auftragen. Die Portionen sind so, daß ein pubertierender Kater sie mit einem Biß vertilgen kann.

Dann gehen wir in die Nichtraucherzone des klösterlichen "Santa Clara" und stecken uns provokant Havannas an. Die dortige Äbtissin konfisziert das Rauchwerk und bittet uns untertänigst, das Lokal zu verlassen. Mit der Drohung, demnächst in stärkerer Besetzung und mit Wasserpfeifen wiederkommen zu wollen, taumeln wir etwas angeschlagen zum Hauptplatz, wo uns am Würstlstand schon Ute erwartet. "Nun, subalterner Lohnschreiber, wo ist der
bestellte Essay?" will sie wissen. Wir recherchieren noch, stammle ich schuldbewußt, wir recherchieren schonungslos. Ute bestellt ihren zweiten Cheeseburger. Monika verlangt nach medium gebratener Wurst.
Mir ist schlecht.

Vielleicht gehen wir noch auf einen Katzensprung zu Josephines Bar, rege ich an. Dort könnten wir Chet Baker oder Tom Waits hören. Und vielleicht treffen wir Matjaz-Grilj. Ich brauche jetzt etwas fürs Herz ...

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© 1998 Wurli • Revised: Februar 11, 2003