
Doch kaum ist dieser
Satz notiert, schrillt auch schon das Telefon.
Mein Boß Ute erteilt mir den Exklusivauftrag, endlich einen Essay zu den drängenden
Problemen unserer schönen Stadt Graz vorzulegen, aber dalli.
Kein Problem, Chefin, ich habe da einiges in petto. Zuvorderst die Frage, wo man denn in Graz gut essen könne? "Dann auf zur Recherche - und immer schön ausgewogen und sachlich bleiben!" ermahnt mich Ute.
Und so sage ich zu meiner Wohnung: Ich gehe jetzt, du kannst mich nicht aufhalten! Monika nehme ich mit, Kater Burli schließt sich uns zwanglos an. Mit ein paar entschlossenen Schritten sind wir auch schon im Restaurant Pichlmaier, wo wir als Aperitif einen Kir Feudal (ukrainischer Büffelgraswodka mit toskanischem Lindenblütentee plus einem Schuß französischen Franzbranntweins) zu uns nehmen. Kater Burli besteht auf seinem Tafelwasser ans dem Herzogtum Liechtenstein. Dann kommt die amüsante Vorspeise. Burgundisches Schneckenmus an Löwenzahnsamen. Burli läßt es sich schmecken. Wir bestellen eine Flasche Lambauer, doch den hat man zu unserem existentiellen Entsetzen nicht auf Lager. Bleibt uns nur irgendein unbedeutender weißer Bordeaux. Als Hauptgang nehme ich ein Rückensteak vom Gnu, gut durchgebraten. Monika wählt einen lebenden Hummer, steckt ihn in ihre Tasche und läßt ihn beim Hinausgehen frei. Burli leckt sich die Lippen. Er durfte die Reste auf meinem Teller fressen.
Unweit des "Pichlmaier" steht ein Pizzastadl. Dort fallen wir hungrig ein und
verdrücken einen repräsentativen Querschnitt des sozial relevanten
Angebots. Besonders raffiniert: die "Margherita"! Dazu einen herbsüßlichen
Cuvée aus dem Tetrapack.
Dann lassen wir uns zum Ristorante Corti kutschieren. Ich muß Ihnen, liebwerte VIA
Leserin, nicht vorbestrafter VIA-Leser, ein Geständnis machen: Leider plagt mich seit
Jahren eine Sucht. Ich muß in regelmäßigen Abständen beim Corti Calamari alla Barese
verzehren, sonst bin ich noch unausstehlicher als ohnehin schon. Das Rezept wollen mir der
Wirt und sein unbestechliches
Personal leider nicht verraten, sonst würde ich es an dieser Stelle publizieren. Monika
und Burli essen von einem Teller Spaghetti pomodoro.
Nun wollen wir aber eine kleine Schmauspause einlegen. Auf zu den bodenständigen
Weinen, die im Generali-Hof eigens für uns gelagert werden.
"Klapotetz" heißt das Lokal, wo man uns gelegentlich in animiertem Zustand
Tisch und Wände beschmieren sehen kann. Wir überzeugen uns jedenfalls ausgiebig von der
hohen Qualität der handgerebelten vergorenen Traubensäfte
unseres Bundeslandes. Burli schnuppert mit Kennermiene an den Gläsern. Er stammt aus dem
weststeirischen Preding und wurde mit Schilcherrahm
großgezogen.
Ich weiß nicht, ob Sie etwas mit dem Weinkennerlatein anfangen können. Nehmen wir nur
die Bezeichnung "trocken" für herbe Weine. Da könnte man mit Recht eine leere
Flasche erwarten. Geschmackserlebnisse sind schwer beschreibbar, auch variiert der
Geschmack von Zunge zu Zunge, je nach Anzahl der Geschmacksknospen. Es muß nicht immer
Tement, Polz oder Neumeister sein. Wir kosten einen Weißburgunder vom Weingut Klug aus
der
nach mir benannten Gemeinde Eichberg-Trautenburg. Was für ein frischer, fruchtiger,
feinwürziger Wohlgeschmack! Die barbarische Praxis, bei der Weinkost jeden Schluck
auszuspucken, verweigern wir aus Respekt. Wer
die Wirkung des Weins verschmäht, ist auch seinen Geschmack nicht wert. Und geöffnete
Flaschen trinkt man am besten aus, sonst verflüchtigt sich das Bouquet.
Nun rührt sich aber wieder Appetit. Und wir stärken uns mit Rohschinken,
Oliven, Artischocken, Käse, Milchschokolade und dem Beruhigungsmittel Xanor.
Jetzt würden wir noch gerne ein paar Jahre sitzenbleiben (wie in unserer verträumten
Schulzeit), aber die Pflicht ruft.
Das Abendessen nehmen wir bei der Ausspeisung "Schauer" ein. Fürwahr ein
einladender Name. Wir übergehen die Vorspeise und nehmen gleich den Nachtisch.
Früchte-Allerlei auf einem Nichts von Irgendwas. Burli läßt sich Gang um Gang
auftragen. Die Portionen sind so, daß ein pubertierender Kater sie mit einem Biß
vertilgen kann.
Dann gehen wir in die Nichtraucherzone des klösterlichen "Santa Clara" und
stecken uns provokant Havannas an. Die dortige Äbtissin konfisziert das Rauchwerk und
bittet uns untertänigst, das Lokal zu verlassen. Mit der Drohung, demnächst in
stärkerer Besetzung und mit Wasserpfeifen wiederkommen zu wollen, taumeln wir etwas
angeschlagen zum Hauptplatz, wo uns am Würstlstand schon Ute erwartet. "Nun,
subalterner Lohnschreiber, wo ist der
bestellte Essay?" will sie wissen. Wir recherchieren noch, stammle ich schuldbewußt,
wir recherchieren schonungslos. Ute bestellt ihren zweiten Cheeseburger. Monika verlangt
nach medium gebratener Wurst.
Mir ist schlecht.
Vielleicht gehen wir noch auf einen Katzensprung zu Josephines Bar, rege ich an. Dort könnten wir Chet Baker oder Tom Waits hören. Und vielleicht treffen wir Matjaz-Grilj. Ich brauche jetzt etwas fürs Herz ...
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© 1998 Wurli Revised: Februar 11, 2003